Monthly Archives: Oktober 2008

The final frontier

Guy Candy

Ich hatte es alles durchgeplant: ein Event “nur für Frauen”. Frauen, die zusammenkommen, um über „Pornos für Frauen“ zu sprechen. Ich wollte zwei männliche Butler im Adamskostüm, die Erdbeeren und Champagner servieren. Die Butler als „Augenweide“ für die Mädels – die mit ihren Bizepsen, Bauchmuskeln und Hintern angeben, während sie die Frauen höflich bedienen. Frauen an erster Stelle. Frauen an der Spitze.

Mir war nicht bewusst, dass die Bar, in der ich mein Event abhalten wollte, eine Bar war, in der Männer normalerweise nach dem Wichsen ein Bierchen trinken, nachdem sie ein wenig Solospiel in dem Sexkino genossen haben. Ein Ort, der eindeutig Männer und ihre Bedürfnisse bedient, mit überlebensgroßen Fotografien von weiblichen Pornostars an den Wänden und keinem Hinweis jedweder Art auf sichtbare männliche Sexobjekte. Es hat den ganzen Nachmittag gedauert, den Ort umzubauen und ihn attraktiver und annehmbarer für Frauen zu machen. Wir haben die Spielautomaten abgedeckt und die Bierdeckel durch Rosenblätter und Federn ausgetauscht. Zum Schluss kam der Butler an (meine Gastgeber haben mich mit nur einer statt zwei Augenweiden versorgt). Während ich ihn informierte, wie er die Ladies zu behandeln habe und ihn mit einer kurzen schwarzen Kellnerschürze, Manschetten und einer Fliege ausstattete, stand mir eine fiese Überraschung bevor.

Bei den Butlern im Adamskostüm geht es darum, dass sie die besten Qualitäten eines durchtrainierten Typen auf freche, aber nicht beleidigende Weise anpreisen. Es gibt sie bei vielen Events im ganzen UK, und einen hatte ich in meiner Orgien-Szene in „Feeling It!“. Ich hatte den Organisatoren die Fotos von den größten Vorzügen der Butler geschickt – vorne von einer schwarzen Schürze bedeckt, wird hinten ihr nackter, sexy Pfirsichhintern gezeigt. Zu meiner Verwunderung teilten die Gastgeber des Schuppens meinen Enthusiasmus jedoch nicht. Sie verlangten, dass der sexy Butler ein billiges und fröhliches Paar Boxershorts tragen müsse, um seine besten Teile zu bedecken, weil sie seinen Hintern „unhöflich, dreckig und beleidigend“ fanden. Ich war völlig baff. In genau diesem Ort zeigen sich weibliche Pornostars regelmäßig mehr oder weniger in völliger Nacktheit, und nur 15 Meter entfernt lief ein Hardcore-Porno im Sexkino, um die männlichen Massen zu unterhalten. Und plötzlich wird eine Doppelmoral erhoben: nackte Frauen werden als „normal und sexy“ angesehen, halbnackte Männer als „dreckig und vulgär“.

Ich habe alles versucht, um meinen Willen durchzusetzen und den Mädels die Augenweide zu bieten, die sie verdient hatten, aber obwohl das Event ausschließlich auf meinem Konzept basierte, wurde mir von den Organisatoren mitgeteilt, dass sie in ihrem Veranstaltungsort das Sagen hätten, und so sah der Butler in seinen bollerigen und wenig sexy Boxershorts eher mittelmäßig aus.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diese Doppelmoral stoße – vor zwei Jahren kürzte ein Großvertrieb meine männliche bisexuelle Szene, die man „dreckig“ fand. Genau diese Szene gewann dieses Jahr den Preis für die „beste Bi-Szene“ beim Feminist Porn Award in Toronto. Und viele Frauen inklusive meiner selbst genießen es echt, Männer beim Rummachen zuzuschauen – genau wie die meisten Heteromänner Girl-Girl-Action genießen.

Vor kurzem traf ich einen TV-Produzenten in Köln und erzählte ihm von dem zunehmenden Trend in Deutschland, dass junge Frauen alternative Erotikmagazine herausbringen, in denen nackte Männer gezeigt werden. Das „Jungsheft“ ist eine Art-Core-Publikation aus Köln und ist deutschlandweit zu einem Kult-Magazin geworden. Es wird von zwei Frauen herausgegeben und zeigt Fotografien von normalen nackten Männern, manche mit Erektionen. Der Kommentar des TV-Produzenten sagt schon alles. Ohne mit der Wimper zu zucken, sagte er: „Ganz offensichtlich wird das Magazin hauptsächlich von Schwulen gelesen“. Ich war sprachlos.

Ich kann nicht glauben, dass dieses Vorurteil noch immer vorhält. Lasst es mich laut und deutlich buchstabieren: Frauen sind auch Voyeure. Und Hetero- oder bisexuelle Frauen genießen es genau so sehr, nackte, knackige Kerle anzuschauen, wie es Männer nun schon seit Jahrzehnten genießen, Mädels „oben ohne“ in ihrer Tageszeitung zu sehen.

Was muss getan werden, damit weibliche Fantasien und Wünsche endlich ernst genommen werden? Wie viel länger wird es dauern, bis ein erotisches Foto eines durchtrainierten Typen als genau das angesehen wird – ein Foto von einem attraktiven Mann, das genießen kann, wer will – anstatt dass es als „schwul“ abgestempelt wird?

Manchmal glaube ich, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben …

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I am a porn star…

Petra Joy - Porn Star!

Es hat mir keinen Spaß gemacht, die diesjährige Venus-Fachmesse in Berlin zu besuchen. Es kam mir vor, als wäre man durch die Zeit zurück in die 80er geworfen worden, mit all ihrer altmodischen Repräsentation von Frauen und Sexualität. Sogar am Handels- und Pressetag waren die Hallen mit Männern mittleren Alters gefüllt, die mit Teleskop-Kameras und Plastiktrittleitern ausgestattet waren, um einen besseren Blick oder ein besseres Foto der Frauen zu erhaschen, die auf verschiedenen Bühnen strippten. Wo die Erotika in London einen etwas anspruchvollen Stil von Erotik bewirbt, mit Medienstars wie Dita van Teese, die ein zu 60 % weibliches Publikum anzieht, zeigt die Venus in Berlin immer noch Pamela-Anderson-Klone, die in den Show quasi durchgängig masturbieren und unglaublich genervt aussehen. All das ist weder schockierend noch neu – nur hoffnungslos altmodisch und langweilig. Ich habe mich gefragt – warum gibt es keine größere Bandbreite an Frauen, die auf der Bühne performen, wo sind die männlichen Augenweiden und warum gibt es nirgendwo einen Bereich, der sich speziell an Frauen richtet? Dieses Jahr gab es dort zum ersten Mal eine „Fetisch-Zone“ und einen kleinen „Schwulenbereich“, aber es gab keinen Ort, an dem sich die weiblichen Besucherinnen, Händlerinnen und die Presse treffen konnten, um zu netzwerken, zu shoppen und unterhalten zu werden. Wenn ich zufällig auf Sexshop-Betreiberinnen, Spielzeug-Designerinnen oder Journalistinnen stieß, haben wir alle vereinbart, uns bei einem Netzwerk-Event abseits der Venus zu treffen. Irgendwo, wo wir atmen können und nicht mit Klon-Körpern aus Silikon bombardiert werden und dem Blitzlichtgewitter des Pressegesindels, das ihnen immer anhängt.

In diesem Kontext fühlte ich mich unwohl bei der Idee, dass ich eine Autogrammstunde in einer der Lounges des Events geben könnte. Aber ich dachte, es lohnt sich, es zu versuchen und dabei zu helfen, weibliche Pornoregisseurinnen fest auf den Plan zu bringen – sogar auf einem männlich-orientierten Mainstream-Event. Mein idealistischer Geist wurde aber schnell entmutigt. In dem Raum, in dem ich die Autogramme geben sollte, gab es nonstop Sex-Shows, er war gepackt voll mit Leuten und meine Anwesenheit wurde in keiner Weise beworben. Ich wurde weder auf der Venus-Webseite noch auf dem täglichen Programmblatt des Veranstalters angekündigt – also fragte ich mich, ob mich die Leute finden würden oder überhaupt wissen, dass ich da bin. Was mir gefallen hätte, wäre eine Frauen-Lounge gewesen – ein Bereich, wo sich die Erotikunternehmerinnen hätten treffen können, um zu netzwerken und interessierte Zuschauerinnen hätten uns treffen und Ideen austauschen können. Ein Bereich mit männlicher Bedienung, einem Glas Sekt zur Begrüßung und einem Schokoladenbrunnen. Ein berech, der nicht hinten irgendwo versteck liegt sondern deutlich sichtbar ist und gut beworben wird. Eine Insel für Frauen, die die Sexindustrie revolutionieren. Eines Tages werden wir in der Lage sein, uns mit der männlichen Mainstream-Sexindustrie zu vermischen, aber momentan wäre eine Insel in dem Meer der männlich orientierten Mainstream-Sexprodukte schon ein Fortschritt.

Letztendlich stand ich, von einem kleinen Spotlight beleuchtet, neben einem Plastiktisch in einem Raum voller Männer, die gekommen waren, um Frauen masturbieren zu sehen. Als ich schließlich vom Ansager angekündigt wurde, tat er das mit dem unvergesslichen und hoch symbolischen Satz: „Wir haben heute eine junge Frau bei uns. Ihr Name ist Petra Joy. Und – wie könnte es anders sein – sie ist eine Pornodarstellerin und Sie können hier ihr Autogramm bekommen.“ Mir fiel einfach die Kinnlade runter. Die Scharen von Männern drehten sich um, um mich anzusehen. Sie hatten keine Ahnung, wer ich bin oder wofür ich stehe, und ich wollte ihnen wirklich keine Autogramme geben, weil sie dachten, dass ich ein aufstrebender Pornostar sei.

Was mich am meisten bei dieser Ansage schockierte, war die arrogante und bevormundende Art, in der der Kerl klargemacht hat, dass sogar im 21. Jahrhundert die meisten Männer noch immer fest daran glauben, dass es in der Sexindustrie nur eine einzige Rolle für Frauen gibt – vor der Kamera als Darstellerinnen. Mit einem Satz wurden all die Frauen, die sich als Dildo-Designerinnen, Sexshop-Besitzerinnen, Magazin-Herausgeberinnen, Fotografinnen und Filmemacherinnen den Arsch aufreißen, unsichtbar gemacht. Als ob wir schlichtweg nicht existierten und niemals existieren würden.

Für diese Repräsentanten einer veralteten Sexindustrie sind Erotikunternehmerinnen nicht einfach ein neues und aufkommendes Gesicht einer immer erotischer werdenden Kultur sondern eine schräges Phänomen, das man nicht ernst nehmen darf. Diese Porno-Patriarchen hindern die Industrie daran, sich zu entwickeln, zu wachsen und die weiblichen Talente zu wertschätzen, die es wagen alles zu tun außer im Film zu ficken.

Die Bemerkung war auch eine Beleidigung gegenüber den Pornostars, die derzeit oder zukünftig hinter den Kameras aktiv sind, indem sie Drehbücher schreiben oder Regie führen. Es geht alles um Möglichkeiten und darum, die Wahl zu haben. Wenn die Möglichkeiten nicht gegeben sind, haben die Frauen keine Wahl. Und vielleicht ist das der Grund, warum Frauen so lange gebraucht haben, um hervorzutreten und der Industrie mit ihrer Vision von Erotika uns Sex ihren Stempel aufzudrücken. Dass diese Frauen unabhängige Unternehmerinnen sind, die ihren Worten auch Taten folgen lassen, ist nicht durch Zufall sondern durch Notwendigkeit entstanden. Innerhalb der steinzeitlichen Seximperien, die Frauen immer noch ausschließlich auf ihre Körper reduzieren, ist kein Platz für weibliche Freigeister.

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If you can dream it, you can do it!

Petra Joy

Manchmal ist die Realität besser als der Traum. Zusammen mit all den anderen GewinnerInnen des diesjährige Venus-Awards auf der Bühne zu stehen, meine dicke, fette Trophäe hoch und meinen Kopf sogar noch höher zu halten und mit den anderen „We are the champions!“ zu singen, war so ein perfekter Moment, bei dem die Zeit still steht. Es hat mir unendlich viel bedeutet, von den progressiven und aufgeschlossenen Elementen der Sexindustrie mit einem Preis anerkannt zu werden – obwohl oder vielleicht weil meine Filme all die Mainstream-Regeln brechen. Ich wurde für meine Arbeit als Regisseurin mit dem besonderen Preis der Jury für meine „Pionierarbeit für Frauen-Pornos“ ausgezeichnet – eine Kategorie, die speziell für mich geschaffen wurde.

Seit fünf Jahren mache ich Pornos aus Frauenperspektive und habe lange und hart gekämpft, um einen Vertrieb zu finden und sicher zu stellen, dass weibliche Fantasien sichtbar und verstanden werden. Walt Disney sagte mal: „Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun!“. Und er hatte recht. Du kannst und musst deine Träume wahr machen – selbst wenn es sich anfühlt, als ob man mit dem Kopf durch die (Stein-)Wand will. Einem Traum zu folgen kann sich anfühlen, als ob man eine alte Haut abstreift, und ich bin froh, dass ich, die ich einstmals gegen Pornos war, mich zu jemandem entwickelt habe, die alternative Pornos erschafft.

Petra and Belle

Ich möchte diese Möglichkeit nutzen, um all den wunderbaren Frauen und Männern zu danken, die mich und meine Arbeit unterstützt und inspiriert haben. Ich denke da an die Darstellerinnen, die zu guten Freundinnen geworden sind, besonders Violetta und Belle (die mit mir in Berlin war, um den Preis in Empfang zu nehmen). Ohne die furchtlosen DarstellerInnen – jene befreiten Frauen und unterstützenden Männer, die es wagen, erotische Genüsse jenseits der üblichen Porno-Stereotypen zu erkunden – würden meine Filme nicht existieren. Ich denke auch an mein Baby Tony, der unermüdlich hinter den Kulissen arbeitet, das Hinter-den-Kulissen-Material dreht, meine Webseiten baut und mich aufmuntert, wann immer es mir schlecht geht. Ein von Herzen kommendes „Danke“ auch an Cynthia, eine wundervolle Frau, die ich nie persönlich kennen gelernt habe, die mich aber mit ihren häufigen E-Mails und Anrufen unterstützt und inspiriert. Ein sehr warmer Dank geht auch an Laura Merritt von den Sexklusivitäten in Berlin – sie war eine der ersten Sexshopbesitzerinnen, die meine Filme verkauft haben. Ich möchte meinen Preis mit all den wundervollen Frauen und Männern teilen, die mich dadurch unterstützt haben, dass sie meine Filme gekauft und damit das unterstützt haben, woran sie glauben. Ein großes „Dankeschön“ an all die Wesen, die ihre Fantasien mit mir geteilt und mich mit ihrem Vertrauen geehrt haben.

Als Belle und ich um 4 Uhr morgens durch das Brandenburger Tor getanzt sind, haben wir an euch gedacht!

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My little slice of paradise

Aquarium

Wenn ich eine Superkraft haben könnte, dachte ich immer, dass es das Fliegen sein würde. Das ist jetzt aber alles ganz anders. Ich wünschte, ich könnte unter Wasser atmen. Seit ich vor zehn Jahren mit dem Tauchen angefangen habe, gefällt es mir, schwerelos zu sein und magische Korallengärten und erfinderische Unterwasserkreaturen zu beobachten, aber bis vor Kurzem waren meine Abendteuer in der Unterwasserwelt auf die Maximalzeit reduziert, die ich aus einer Sauerstoffflasche quetschen konnte. Und das ist nie mehr als eine Stunde bei Tauchen im flachen Wasser und noch weniger, wenn man tief taucht.

Und jetzt habe ich es zu Hause; mein ganz eigenes Korallenriff. Weiche und harte Korallen, Clownfische, Einsiedlerkrebse, einen Gobi und eine Krabbe. Und ich kann es den ganzen Tag ansehen und habe sogar die Wahl zwischen Sonnenschein und Mondlicht. Mein eigenes Stück vom Paradies – nicht nötig, zum Luftschnappen aufzutauchen. Ich habe mein 80-Liter-Aquarium in meiner Lounge aufgestellt. Als ich es in einem Fischladen sah, habe ich mich sofort darin verliebt. Ich bin immer wieder zurückgekommen, um es anzuschauen und zu träumen und habe mich immer mehr in diese perfekte kleine Welt verliebt. Und dann habe ich eine Anzahlung geleistet und meine Wasserwelt in über einem Jahr abbezahlt.

Vor ein paar Tagen kam der große Moment – die Fische zogen ein. Und die Fische nun füttern und beobachten zu können, ist an manchen sehr hektischen Tagen eine der wenigen willkommenen Pausen. Ich schaue zu, wie der Putzerfisch den Gobi pflegt, der Einsiedlerkrebs als Mittagessen die Scheibe von innen säubert und „Mistress“, der weibliche Clownfisch, alle herumkommandiert. In Vorbereitung auf die Venus-Fachmesse und das Pornfilmfestival in Berlin und die Erotika-Show in London arbeite ich sehr, sehr lange Tage. Ich sitze um 17 Uhr am Computer und kann mich nicht konzentrieren, und dann fällt mir auf, dass ich weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen habe. Das ist ein perfekter Aquariummoment. Es ist wie ein verzauberter Schneeball, der lebendig geworden ist, eine kleine, perfekte Welt. Immer ruhig und ausgewogen – eine Erinnerung daran, wie das Leben sein kann – ein Tag im Paradies.

Ich bin froh, dass meine Wasserwelt nicht aus den Tiefen des Ozeans geraubt wurde sondern in tropischen Tanks gezüchtet wurde, und dass meine „Babys“ auf einem Riff von genau der Größe leben, wie sie es in der Natur auch bewohnen würden. Wenn ihr bislang noch nicht getaucht oder geschnorchelt seid, ist mein Tipp: macht’s und erlebt eine bunte, stille und schwerelose Welt.

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