Monthly Archives: Dezember 2008

Ready for picking

Petra Joy

Ich kann nicht glauben, dass es schon Dezember ist. Dieses Jahr ist einfach vorbei geflogen und es fühlt sich an, als ob meine Beine kaum den Boden berührt hätten. Es war ein Gewirr aus Flügen, Festivals, Fachmessen, Workshops, Meetings und Fernsehinterviews.

Es hat mir Spaß gemacht, auf andere Erotikfilm-Regisseurinnen zuzugehen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Einige von ihnen sind gute Freundinnen geworden und wir unterstützten und inspirieren uns gegenseitig in vielerlei Hinsicht.

Ich freue mich schon riesig darauf, diese Filmemacherinnen und ihre einzigartigen Filme mit meiner anstehenden Kompilation „Porno für Frauen“ europaweit bekannt zu machen. Ich möchte die große Vielfalt in den Pornos zeigen, die von Frauen gedreht wurden – jede von uns hat andere weibliche Fantasien im Blick und erschafft ihre Filme mit ihrer einzigartigen kreativen Handschrift. Es fühlt sich gut an, mit einem so starken Netzwerk von starken Frauen verbunden zu sein, die alle mithelfen, die Erotikindustrie zu verändern und Frauen zu ermächtigen und zu befreien. Zusammen sind wir nicht nur stark sondern auch unaufhaltbar. Es ist mir eine Ehre, die Kuratorin dieser exquisiten Kompilation zu sein, die es vielen ZuschauerInnen ermöglicht, noch mehr großartige Filme aus weiblicher Sicht zu entdecken.

Ich bin außerdem froh, die wundevolle Marianna Beck in Europa zu repräsentieren und ihr zu helfen, einen Vertrieb im UK und in Deutschland zu finden. Ihre Filme sind künstlerisch, kreativ und sinnlich, und sie verdienen es, in Europa gesehen zu werden. Ich fühle mich wie eine Archäologin, die verborgene Schätze entdeckt und ausgräbt. In den 80ern schaute ich eine Menge Pornos und fand keine, die mir gefielen. Zwanzig Jahre später habe ich das Vergnügen, immer mehr Filme zu schauen, die mir Spaß machen und die ich gerne mit anderen Frauen teilen möchte. Seit fünf Jahren mache ich meinen Vertrieb und meine PR nun selbst, und ich bin so glücklich, dass nun endlich die Zeit gekommen ist, dass ich meine Kontakte und Fähigkeiten mit anderen Regisseurinnen teilen kann, die neu im Geschäft sind.

Ich glaube, dass meine Arbeit als Kuratorin die natürliche Fortsetzung meiner Arbeit als Regisseurin und Lehrerin ist. Die Zeit ist reif, tief Luft zu holen und all meine Kraft nutzbar zu machen, um Pornos für Frauen auf die weltweite Erotik-Landkarte zu bringen.

2008 mag kein finanziell Gewinn bringendes Jahr gewesen sein, aber ich habe viel gewonnen, was man mit Geld nicht kaufen kann: Freundschaften und Preise, die mir zeigen, dass meine Vision und Botschaft gesehen, gehört und verstanden wird. In Zeiten der Wirtschaftskrise ist es wichtiger denn je, dankbar dafür zu sein, was man hat. Und ich bin jeden einzelnen Tag dafür dankbar.

Ich bin glücklich, dass die Samen, die ich seit vielen Jahren ausstreue, ausgeschlagen sind und nun Früchte tragen.

Und im neuen Jahr sind sie reif und für die Ernte bereit. Ich hoffe, ihr werdet sie mit mir teilen. Ich wünsche euch allen ein friedliches Weihnachtsfest und ein kreatives, erfolgreiches und aufregendes Jahr 2009!

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Gender Bending

Buck Angel

Letzte Tage habe ich zufällig mitbekommen, wie jemand über Buck Angel sprach – den Mann mit der Pussy – und ihn „krank und verrückt“ nannte. Sie sagte wütend: „Sie behauptet ein Mann zu sein, aber das ist Schwachsinn. Sie hat eine Pussy, also ist sie eine Frau, die mit Hormonen vollgepumpt ist. Das ist wirklich abstoßend.“

Ich bin immer überrascht von den heftigen Reaktionen, die all jene auslösen, die es wagen, die Gender-Stereotypen in Frage zu stellen und sich jedweder Form des „Gender Bending“ hingeben.

Meine Strap-on-Szene in „Female Fantasies“ verursachte große Aufregung und wurde von einem meiner größten Distributoren zensiert. Und das war nur eine Frau, die für ein bisschen Rollenspiel einen Plastikschwanz trug. Aber einen knackigen Man zu sehen, der einen (Plastik-) Schwanz lutscht, den eine umwerfend feminine Frau trägt, war mehr als die angeblich so liberale Erotikindustrie verkraften konnte. Im Heteroporno haben Frauen ultra-feminin zu sein und Männer die dominanten Superhengste – da bleibt kein Raum für irgendein Spiel mit den Gender-Rollen.

Wir halten alle an unserer Wahrnehmung davon fest, was es bedeutet, männlich und weiblich zu sein, da wir keine Wahl haben, uns jeden Tag neu zu erfinden – egal ob wir als Frau oder Mann geboren wurden. Was macht einen Mann zum Mann? Das ist nicht nur sein Schwanz. Wir sind mehr als nur unsere Fortpflanzungsorgane, und Gender ist eine Gesinnungseinstellung.

Wenn sich Buck Angel als Mann fühlt, lasst ihn ein Mann sein. Er hat die Muskeln, Attitüde und Lebenseinstellung. Gut für ihn, dass er sich nicht entschieden hat, seine Vagina in einen künstlichen Penis umformen zu lassen nur um sich dem anzupassen, was wir von einem Mann erwarten. Warum sollte er eine riesige Klitoris, die ihm multiple Orgasmen schenkt, für einen künstlichen Penis eintauschen, der weder voll erigieren noch ejakulieren kann, und der ihm weitaus weniger Genuss bringen würde als seine Pussy?

Eine andere Gender-Bending-Hassfigur ist Thomas Beattie, der sich entschied, seine Gebärmutter befruchten zu lassen, um seine eigenen Kinder zu gebären. Thomas ist, ähnlich wie Buck, ein „TM“ (Transmann der Richtung Frau-zu-Mann). Er hat sich seine Brüste entfernen lassen und eine Hormontherapie gemacht, wollte aber nie eine Hysterektomie und Labioplastik. Er wollte die Möglichkeit haben, mit seiner Frau, die nicht mehr auf natürliche Weise Kinder hätte bekommen können, Kinder zu haben.

Er hat sich entschieden, für seine Kinder physisch die Mutter und psychologisch der Vater zu sein. Die ganze Welt ist auf die Barrikaden gegangen seit die Geschichte des „schwangeren Mannes“ publik geworden ist, und YouTube wurde mit Hassbotschaften von „echten Männern“ überflutet, die Thomas lächerlich gemacht und beleidigt haben. Nicht nur hatte er die Unverfrorenheit, seine Pussy zu behalten, er behielt auch noch seine Fortpflanzungsorgane, und die Öffentlichkeit forderte von ihm, sich endgültig zu entscheiden. Sei ein Mann und besorg dir einen Schwanz oder hör auf, Hormone zu nehmen und leb’ dein Leben als eine Frau, der es nicht nur erlaubt ist sondern von der es sogar erwartet wird, dass sie zur Mutter wird. Thomas ging sogar noch weiter als Buck.

Buck machte sich sein Mann-Sein zueigen, indem er sein sehr aktives, „männliches“ Sexleben direkt vor dem Publikum auslebte. Thomas erlaubte sich, das Gender-Bending noch weiter zu treiben, indem er seine Gebärmutter benutzte anstatt eine Ersatzmutter zu bezahlen, um das Baby von sich und seiner Frau auszutragen. Er ist ein Mann und entschließt sich doch, eine biologische Mutter zu werden und sich auf seine Familie zu konzentrieren. Und das ist etwas, das diese „echten Männer“ nicht akzeptieren oder respektieren können. Sie wollen, dass er sich in einem Nachclub besäuft, Stripperinnen zuschaut und Witze über Schwule macht. Aber die Zeiten ändern sich, und je mehr Menschen sich ermutigen, das zu sein, was sie sein wollen – ob wir es nun männlich oder weiblich nennen, transsexuell oder drittes Geschlecht oder einfach einen freien, individuellen und einzigartigen Geist.

In der Tierwelt ist das Geschlecht viel fließender. Zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens können Fische ihr Geschlecht wechseln und oft machen sie das auch. Mein Freund hatte drei Schwertfische in seinem Aquarium: zwei Weibchen und ein Männchen. Als das Männchen starb, hat eins der Weibchen ihre eigene Geschlechtsumwandlung vorgenommen, indem es innerhalb einer Woche einen Schwertschwanz wachsen ließ. Daher habe ich ihn „Buck“ getauft. Und es sind die männlichen Seepferdchen, die gebären.

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Black Day

Credit Crunch? Recession!

Eine lange Zeit lang war ich optimistisch. Alle reden von der „Kreditkrise“, und ich dachte, da ich kein Grundstück zu verkaufen habe, wird es mich nicht wirklich betreffen. Ich werde OK sein und langsam meinen Weg von den roten in die schwarzen Zahlen machen. Die Dinge sahen gut aus: Vor ein paar Wochen war ich beglückt, eine Vertriebsabkommen mit einem großen Plattenunternehmen und Filmvertrieb für meine Softfilme abzuschließen. Mein Freund Ian, ein schwuler Erotikfilmproduzent, hatte mich mit ihnen in Kontakt gebracht, und so war ich glücklich, endlich ein Unternehmen gefunden zu haben, die meine Filme in die Geschäfte der Hauptstraßen zu bringen, wie HMV oder Virgin. Die Soft-Schnitte wurden gemacht, eine neue BBFC-Lizenz bezahlt (British Board of Film Classification), neue Cover wurden entworfen und gedruckt. All das ist nicht billig und kostet inetwa zweitausend britische Pfund pro Film. Ich war jedoch optimistisch, dass ich nicht nur mein Geld wieder einspielen sondern schließlich sogar einen kleinen Profit machen würde, und das sogar ohne dass ich Kisten Packen und Rechnungen schreiben müsste.

Am Dienstag haben Ian und ich uns mit dem Verkaufsteam des Unternehmens getroffen, um die Soft-Cut-Veröffentlichung von „Feeling It!“ fest zu machen. Alle waren guter Dinge was das vor uns liegende Jahr anging, und das Team hat unsere Chocolates and Bucks Fizz gerne angenommen. Lächeln auf allen Seiten. Wir plauderten kurz über den Sturz von Woolworth und eine dazugehörige Multimedia-Gesellschaft, aber als es um eine Vertragsverlängerung im nächsten Jahr ging, haben wir uns versichert, dass es uns gut gehen würde. Die Freude hielt nicht lang. Nicht einmal 24 Stunden.

Als ich am nächsten Morgen meinen Posteingang öffnete, fand ich eine Mail der Distributoren, die besagte, dass das Unternehmen Insolvenz angemeldet habe und nicht in der Lage sein würde, mich oder Ian für unsere Verkäufe zu bezahlen. Sie würden außerdem unseren restlichen Bestand behalten und für den Fall, dass wir ihn nach zwei Monaten überhaupt zurückbekommen würden, müssten wir eine Gebühr für das Verpacken und den Versand bezahlen.

Meine ganze Welt ist eingestürzt. Es geht nicht nur um den Bestand und den Preis für die Druckauflage als solches. Es geht auch um die riesige Investition, die ich vorher schon für die Soft-Cuts und die BBFC-Lizenz getätigt hatte. Das hätte ich nicht getan, wenn ich nicht sicher gewesen wäre, endlich ein effizientes Unternehmen gefunden zu haben, dass mich repräsentieren und ein paar ernsthafte Gewinne generieren könnte.

Jetzt glaube ich nicht mal, dass ich jemals eine Druckauflage von „Feeling It!“ in der soften ab-18-Version starten werden, also waren der Neuschnitt, die BBFC-Lizenz und der Neuentwurf des Covers alles für die Katz.

Wut und Frustration treiben mir die Tränen in die Augen. Das ist das zweite Mal, dass ein Unternehmen, dass mir Geld schuldete, bankrott gegangen ist. Vor ein paar Jahren schuldete mir ein Verlag eine große Menge Geld für Artikel, die ich geschrieben und viele Fotos, die ich gemacht hatte. Ich habe immer lange vor meiner Abgabefrist abgeliefert, hab mir bis tief in die Nacht den Arsch beim Tippen und Photoshoppen aufgerissen und bekomme dann keinen Cent. Was für ein leichter Ausweg für sie – sie zahlen einfach ihre Schulden nicht, werfen sie ab wie eine alte Haut und starten dann neu, ohne dass sie von den roten Zahlen niedergedrückt werden. Das ist sehr bequem für sie, aber schrecklich für all die vielen Einzelhändler und Unternehmen, die übrig bleiben, um die Stücke wieder zusammen zu setzen und die Zeche zu zahlen. Es gibt nämlich keinen leichten Ausweg – wir müssen weiter unsere Rechnungen bezahlen, die es uns erlauben, ein Produkt zu schaffen, dass sie verkaufen können. Das stinkt mir wirklich und ist nicht das, was ich ein paar Wochen vor Weihnachten gebraucht hätte.

Ich habe versucht, jeden einzelnen der acht Mitglieder des Vertriebsteams zu kontaktieren, die wir am Dienstag getroffen hatten, aber bis auf einen sind alle von ihnen gefeuert worden – einfach so, ohne Ankündigung. Ich bin schwer geschockt, und es tut mir für sie sehr leid. Und es lässt Ian und mich im Ungewissen, weil wir niemanden haben, mit dem wir kommunizieren können.

Ich kann nicht glauben, dass das passiert. Es schein so unfair. Und der Einsturz wird fortschreiten, ohne Kapital können wir nicht handeln und die Geschäfte mit unseren Waren versorgen, und den KundInnen wird es nicht möglich sein, irgendwelche unserer Produkte zu kaufen, selbst wenn sie das wollen. Eine Situation, auf der alle Seiten verlieren.

Sie nennen es “Kreditkrise”. Es ist aber kein Witz. Dies ist keine „Kreditkrise“ sondern eine knallharte Rezession, die auf das UK und mich herunterbricht.

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EAN Magazine, Dezember 2008

EAN Magazine
Der erste Teil eines Sonderbeitrags, in dem Petra erörtert “was Frauen wollen”. (englisch)

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