„Shades of Grey“ – Frauenporno oder Mogelpackung?

Fifty Shades of Grey

Als ich das erste Mal von dem Buch „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ hörte, war ich begeistert. Je mehr Frauen ihre Fantasien ausdrücken und Pornos aus weiblicher Perspektive kreieren (sei es in Worten oder Bildern), desto besser. Frauenfantasien dedeihen meist immer noch im Geheimen, sodass es kaum Erotika von und für Frauen gibt. Daher sage ich „Chapeau“ zu jeder Frau, die Erotika veröffentlicht, egal ob soft- oder hardcore. Ich freute mich also auf ein erregendes Lesevergnügen.

Ich hätte es besser wissen müssen. „Shades of Grey“ entstand als Fan-Fiction-Roman, der auf der Twilight-Saga basiert. Durch den enormen Online-Erfolg wurde ein großer Verlag darauf aufmerksam und veröffentlichte eine extrem überarbeitete und anscheinend zensierte Version. Was darin übrig blieb, ist ein romantisches, anti-feministisches Märchen mit nur sehr wenigen sexuell expliziten oder aufregenden Inhalten. Ich musste über 200 Seiten lesen, bevor es zum ersten Sex kam, und fand das Lesen bis dahin – immer in der Hoffnung, dass endlich etwas Erotik kommt – ermüdend. Das Buch soll ja angeblich von SM-Sex handeln, doch der (wenige) Sex, der überhaupt beschrieben wird, ist meist Blümchensex. Was mich aber am meisten enttäuscht ist nicht der Mangel an expliziten und kreative beschriebenen Sexszenen, sondern die Tatsache, dass die „Heldin“ Ana mit über zwanzig Jahren noch immer Jungfrau sein soll und sich nur deshalb auf den Sex und das Ausprobieren von (leichten) SM-Praktiken mit dem Multimillionär Christian Grey einlässt, weil sie ihn liebt. Das ist so typisch für die altmodischen Gender-Klischees der klassischen Liebesromane, dass ich es in einem Sex Roman aus dem Jahr 2012 nicht erwartet hätte. Als ob sich Frauen ohne Liebe keinen Sex vorstellen könnten und „unschuldig“ bleiben (und sich nicht einmal durch Masturbation bis zum Orgasmus bringen), bis sie ihre Jungfräulichkeit schließlich „im Namen der Liebe“ jenem Prinzen schenkt der sie wachgeküsst. Soviel zur sexuellen Befreiung und zu Frauen, die Sex auch ohne romantische Beziehungen genießen können und Ihre Lust (selbst) befriedigen …

Diese konservative Einstellung in Sachen Sex führt das Buch weiter, indem Christian Grey, der dominante Multimillionär/SM-Prinz, als psychisch geschädigt dargestellt wird (vermutlich, weil er als Kind missbraucht wurde). Seine traumatische Kindheit muss dann auch als einziger Grund für seine Vorliebe für SM-Sex herhalten. Als ob glückliche und ausgeglichene Menschen keinen Spaß an Rollenspielen im Schlafzimmer hätten (mit oder ohne Handschellen und Peitschen). In Wirklichkeit fantasieren Männer und Frauen davon, der/die Dominante und/oder Unterwürfige zu sein. Einige entschließen sich, diese Fantasien auszuleben, andere bewahren ihre Fantasien lieber wie einen erotischen Film in ihrem Kopf, der ihnen dann beim Sex oder Masturbieren Lust macht. Ein SM-Buch zu lesen oder einen SM-Porno zu schauen bedeutet nicht automatisch, dass man auch im echten Leben dominant oder devot sein will. Darum ist es auch so ärgerlich, dass die Medien nun die enormen Verkaufszahlen des Buches als Beweis dafür heranziehen möchten, dass angeblich alle Frauen grundsätzlich devot oder masochistisch sind und davon träumen dominiert zu werden.

Für mich ist der riesige Erfolg des Buches der beste Beweis für die Macht des Marketings. Das Buch verspricht etwas, das es nicht haelt – es wird als „Porno für Frauen“ verkauft, obwohl es gar nicht pornografisch ist (im Sinne von „explizit“ und „auf sexuelle Erregung konzipiert“). Frauen stürzen sich auf dieses Buch, weil sie ein Nachholbedürfnis in Sachen Pornos aus weiblicher Sicht haben. Viele sind dann leider von dem Buch bitterlich enttäuscht. Keine der Frauen, mit denen ich über „Shades of Grey“ gesprochen habe, fühlte sich beim Lesen angeturnt Die meisten haben nach 50 oder 100 Seiten das Buch gelangweilt zu Seite gelegt und aufgegeben. Doch dann sind sie längst als eine der Käuferinnen des Bestsellers in die Statistiken eingegangen und zählen somit zu den Frauen, die angeblich dominiert werden wollen und von dem Buch erregt werden. Viele Medien vervielfältigen unreflektiert das endlose Marketing dieses Buches. Nicht ein Tag vergeht, an dem „Shades of Grey“ nicht in den Mainstream-Medien als „Frauenporno“ beschrieben würde.

Die traurige Realität ist aber, dass es „Shades of Grey“ nicht in jedem Supermarkt zu kaufen gäbe, wenn es sich wirklich um einen expliziten Porno für Frauen handeln würde. Ein expliziter Roman, der eine starke und sexuell erfahrene Frau, die gerne mit SM-Sex experimentiert (Gott bewahre, vielleicht sogar in der dominanten Rolle!) zur Heldin hätte, und einem attraktiven und ausgewogenen Mann, dem es Lust macht dominant zu sein, als Held würde es nicht auf die Bestseller-Liste schaffen. So ein Buch wäre bei einem kleinen, unabhängigen Verlag erschienen und nur in Frauen-Sexshops oder auf ausgewählten Online-Läden zu bekommen, weil es als „obszöne Pornografie“ abgestempelt worden wäre, mit der kein Mainstream Marke assoziiert werden möchte.

Carrie's Story

Ein solches Buch gibt es interessanterweise bereits: „Carrie’s Story“ erschien vor rund zehn Jahren im amerikanischen Verlag „Cleiss Press“. Ich habe es schon zwei Mal verschlungen und es hat mich angemacht. Die authentischen und expliziten Szenarien in diesem Buch haben mir einige Orgasmen bereitet. Natürlich ist dieses Buch nie ein Bestseller geworden, weil es sich um einen unverfälschten (SM-) Porno aus weiblicher Perspektive handelt, der sich wenier gut vermarkten lässt, als ein weichgespuelter Roman.

Ich will gar nicht anzweifeln, dass „Shades of Grey“ den Weg für Publikationen von weiteren Erotik Schriftstellerinnen ebnen wird (was gut und wichtig ist), aber ich hoffe, dass diese Romane nicht alle von den Verlagen auf den Massenmarkt zugeschnitten und verwässert werden.

Ich würde mich freuen, wenn „Shades of Grey“ zumindest ein paar tausend Frauen wirklich anturnt. Dann hat das Buch etwas wichtiges erreicht und wird zumindest ansatzweise dem Marketing- und Medienrummel, der diesem Roman gerecht.