Sex während der Periode: Wer hat Angst vorm bösen roten Wolf?

Über die Hälfte der menschlichen Rasse menstruiert. Frauen – sowie viele nicht-binäre und Trans-Menschen – erleben das Monat für Monat, von der Pubertät bis zur Menopause. Das sind eine ganze Menge Blutungen, und das bedeutet für uns alle eine ganze Menge Zeit, uns daran zu gewöhnen. Warum also ist die Menstruation immer noch mit einem Tabu besetzt?

Kürzlich hat sie es in die Schlagzeilen geschafft, eine willkommene Abwechslung zum üblichen Totschweigen. Kira Gandhi ist während ihrer Periode beim Londoner Marathon mitgelaufen, und zwar ohne Tampon oder Binde – eine Aktion im Rahmen der Bewegung „Free Bleeding“, bei der es darum geht, während der Periode keine Hygieneartikel zu verwenden. Die Aktion will auf die Misere derjenigen Frauen auf aller Welt aufmerksam machen, die keinen Zugang zu solchen Hygieneartikeln haben, und ein offeneres Gespräch über Menstruation anregen. Als die Leute die Bilder vom Marathon sahen, reagierten sie angeekelt oder schockiert. Andererseits gab es auch eine zusätzliche Kampagne unter dem Hashtag #JustATampon – an der sich Männer und Frauen beteiligten –, die zeigt, wie sehr die Stigmatisierung des Themas und unzureichende sanitäre Einrichtungen die Ausbildung von Mädchen weltweit beeinträchtigen.

Es gibt viele weitere Beispiele, und das ist toll zu sehen. Die Vorstellung, dass Blutungen irgendwie beschämend oder eklig sind, war viel zu lange in unserer Gesellschaft verankert. Viele Religionen haben gepredigt oder tun dass immer noch, dass eine Frau „unrein“ ist, wenn sie ihre Periode hat. Das ist ein uraltes Problem, und ich für meinen Teil habe es echt satt.

Ein Riesen Tabu ist immer noch Sex während der Periode. Seien wir doch mal ehrlich: Viele haben auch an diesen Tagen Sex. Ich persönlich mag das total gerne – ich bin dann besonders erregbar, und ich weiß, dass es vielen anderen genauso geht. Wenn die Blutung sehr stark ist, muss man vielleicht ein Handtuch drunterlegen, aber ich schäme mich nicht für mein Blut. Bei manchen Leuten hingegen hat man das Gefühl, wenn man sie auf das Thema anspricht, dass sie das eher unappetitlich und merkwürdig finden. Wir nehmen Menstruationsblut anders als andere Körperflüssigkeiten wahr, und deshalb wirkt es fast, als wäre man Fetischist, wenn man während der Periode Sex hat – was genau das Gegenteil dessen ist, wie ich es empfinde: nämlich als Sex, den ich zufällig mag, wenn ich zufällig gerade blute.

Viele von uns, die menstruieren, sind wirklich genervt, wenn Männer meinen, sie hätten jeden Monat eine Woche lang ein Anrecht auf endlose Blowjobs oder Analverkehr, bloß, weil es etwas „klebrig“ wird, wenn da Blut ist. Andere machen sich auf unsere Kosten lustig, als würde die Menstruation uns zu etwas Unattraktivem und Wertlosem werden lassen.

In dieser Botschaft steckt eine ganze Menge Sexismus.

Ja, wenn man seine Regel hat, merkt man unter Umständen die hormonellen Schwankungen. Vielleicht ist man besonders sensibel, vielleicht wird man geil. Jede Frau hat andere Symptome und geht anders mit der Situation um. Aber davon auszugehen, dass die Menstruation eine Frau per se in ein asexuelles, unreines oder widerliches Wesen verwandelt, ist eine gefährliche und beleidigende Interpretation einer völlig natürlichen Körperfunktion.

Was können wir also tun, um diese Wahrnehmungen rund um das Thema „Sex während der Periode“ anzufechten?

Menstruation und Sex in Pornos

Wir haben wir schon darüber berichtet, was für ein effektives Werkzeug Pornos sein können, um Leuten etwas beizubringen. Könnte man dieses Werkzeug also auch für dieses Thema nutzen und damit einen Beitrag dazu leisten, das Menstruationstabu zu brechen?

Ja und Nein.

Ich habe mit einem Mitarbeiter des britischen Komitees für die Einstufung von Filmen (British Board of Film Certification, BBFC) gesprochen, um mehr über Menstruation in Pornos zu erfahren. Die Tatsache, dass jetzt alle Pornofilme (sogar die, die nur online gezeigt werden) unter die strikten BBFC-Bestimmungen was gezeigt werden darf fallen, ist an sich schon eine erschreckende Aussicht für viele Filmemacher*innen. Petra hat Ende letzten Jahres in ihrem Blog über die neuen Gesetze für Pornofilme in Großbritannien geschrieben. Dieses Mal lautete meine Frage an das BBFC: Dürfen Regisseur*innen Sexszenen zeigen, in denen Menstruationsblut vorkommt, oder werden diese Szenen zensiert?

Der BBFC-Mitarbeiter sagte mir, dass es wie bei den meisten Bestimmungen in diesem Bereich keine allgemeingültige Antwort gibt. Eine Pornoszene mit zwei oder mehr Darsteller*innen, in der zufällig eine Darstellerin menstruiert (so wie mir das gerne mal passiert, wenn ich zu Beginn meiner Tage Sex habe), wäre wahrscheinlich in Ordnung. Einen Film, der ausdrücklich auf die Darstellung von Menstruationsblut abzielt, würde das BBFC im Gegensatz dazu vermutlich nicht tolerieren. Denn das BBFC muss nicht nur an seine eigenen Bestimmungen und Richtlinien halten, sondern darüber hinaus auch an das britische Gesetz über obszöne Publikationen (Obscene Publications Act). Dieses Gesetz verbietet – neben der Darstellung von Sex mit Tieren – auch die Darstellung von Blutspielen, also Szenen, in denen das Blut selbst erotisiert wird. Dabei unterscheidet es nicht zwischen Menstruationsblut und Blut, das aus einer Verletzung stammt.

Anfang diesen Jahres haben mehrere Filmemacher*innen (Kitty Striker, Pandora Blake und Courtney Trouble) gemeinsam „Ban this Sick Filth“ herausgegeben – eine Zusammenstellung von Episoden mit Praktiken, die in Großbritannien zensiert werden würden. In einer der Szenen zeigt Courtney Trouble, wie sie während ihrer Periode masturbiert. Für mich ist Masturbation während der Periode ganz normal, ich mache das quasi jeden Monat. Dennoch würde diese Szene wahrscheinlich von den britischen Zensoren geschnitten werden.

Petra erklärt, warum diese Tabuisierung von Menstruationsblut so eine üble Doppelmoral ist:

„Was ist schlimm daran, wenn ein/e Filmemacher*in eine Sexszene dreht, in der eine Darstellerin sichtbar ihre Periode hat? Für mich als feministische Filmemacherin ist es wichtig, mich mit echten Frauen und ihren Körpern zu beschäftigen – einschließlich Schamhaar, Blutungen und allem anderen. Warum sollte das was vollkommen natürlich ist als „obszön“ definiert und zensiert werden? Dass weibliche Körperflüssigkeiten wie Squirting-Ejakulat und Menstruationsblut in britischen Pornos größtenteils wegzensiert werden, während die männliche Ejakulationsflüssigkeit im Zentrum der meisten Pornos steht und nicht zensiert wird, spiegelt den Sexismus unserer Einstellung zu weiblichen vs. männlichen Körpern insgesamt wider. Je häufiger wir etwas sehen, desto ‚normaler‘ und akzeptabler wirkt es. Wenn wir Frauen nie bluten sehen – auch nicht beim Sex –, dann werden sich viele Frauen weiterhin unnötig endlos schämen.“

Interessant ist, dass Blut in den Medien immer wieder fetischisiert wird: In Actionfilmen zeugt das blutbespritzte Hemd eines Darstellers von Heldenhaftigkeit. Im TV oder online schauen wir uns immer wieder blutige Gewalttaten an und in medizinischen Dokumentationen gibt es auch jede Menge echtes Blut zu sehnen. Aber aus irgendeinem Grund ist Menstruationsblut so tabuisiert, dass es als widerwärtig gilt, es in einem sexuellen Zusammenhang zu sehen. Obwohl die Menstruation ein integraler Bestandteil der menschlichen Fortpflanzung und Sexualität ist, dürfen wir sie in einem Porno nur sehen, wenn es zufällig passiert. Wenn eine Frau einen Marathon laufen kann, ohne Tampon oder Binde zu tragen, warum können wir dann nicht Sex während der Periode erotisieren und versuchen, das Menstruationstabu zu brechen?

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