Das Zeitalter der Unvernunft – Altersdiskriminierung im Porno und darüber hinaus

Kürzlich stieß ich online auf einen Post mit dem Titel 9 Adult Entertainers Who Should Have Left The Industry Ages Ago (Neun Pornodarsteller, die schon längst hätten aufhören sollen). Der Artikel machte hauptsächlich Darstellerinnen in ihren Fünfzigern herunter, unter anderem Ikonen wie Nina Hartley – die Formulierung dazu lautete: „ Its time for her to go; her breast-implants are older than many actresses in the industry“ („Zeit für sie, aufzuhören; ihre Brustimplantate sind älter als viele ihre Kolleginnen in der Branche“). Sehr witzig.

Der Kult rund um die sogenannte Perfektion in Form von jungen und chirurgisch „aufgemotzten“ Körpern ist allgegenwärtig, im Reality-TV und genauso im Porno. Die Medienwelt zeigt sich entsetzt von Alter und Reife, besonders bei Frauen. Wenn ältere Frauen in den Medien und im Porno überhaupt auftauchen, dann macht man sich meistens über sie lustig. Wenn also Frauen im Porno dreckige Nutten und Fotzen sind, dann sind Frauen über 50 dementsprechend dreckige ALTE Nutten und ALTE Fotzen. Sie stehen auf der untersten Stufe, sind es nicht wert, dass man sie auch nur ansieht – Fußabtreter, bestenfalls noch gut genug, um auf ihnen zu wichsen.

Es ist, als sollten Frauen über 50 unsichtbar und asexuell sein. Während reife Männer als attraktiv und begehrenswert gelten und dementsprechend auch weiter als TV-Moderatoren auftreten, werden reife Frauen gegen jüngere Modelle ausgetauscht.

Mich kotzt das an. Ich hasse es, wie reife Frauen in den Medien dargestellt werden, und besonders in Pornos. Genau deshalb entschloss ich mich, einen Pornofilm zu machen, in dem die sexy und hinreißende Cora Emens, ein Sexcoach aus den Niederlanden, die Hauptrolle spielt. Ich wollte eine Szene drehen, die Coras echtes Begehren und ihre Lust widerspiegeln würde, ihre Sexualität zelebrieren, fernab von allen Klischees rund um „ältere Frauen“, von dem der MILF ebenso wie von dem der alten Schachtel. Der Dreh war fantastisch und ihre wunderschöne Szene ist eine der wichtigsten Episoden in meinem neuen Langfilm (S)he comes. Bei der Premiere auf der großen Leinwand im Berliner Kino Moviemento im Rahmen des Pornfilmfestivals Berlin empfanden Cora und ich einen ungeheuren Stolz auf unsere Zusammenarbeit: Wir saßen händchenhaltend im Kino und konnten unser Glück kaum fassen, als Coras super-sinnliche und leidenschaftliche Szene, in der sie ebenso viel Selbstvertrauen wie Sexappeal unter Beweis stellt, mit spontanem Publikumsapplaus belohnt wurde.

Wir entwickelten diesen Film, weil wir die Fahne dafür hochhalten wollten, dass Frauen sie selbst sind und ihre Sexualität frei ausleben, ganz egal, wie alt sie sind, unabhängig davon, ob sie eine Falte haben oder zwei. Wir möchten Frauen inspirieren, sich selbst zu lieben und ihre Körperlichkeit zu genießen. Wir denken, dass Sexappeal viel mit Selbstbewusstsein zu tun hat und mit der Fähigkeit, in diesem Moment loszulassen – viel mehr als mit einem straffen und „perfekten“ Körper und damit, dem anderen unbedingt gefallen zu wollen, statt einfach man selbst zu sein.

Wir hofften, diese Botschaft auch jenseits des Kinos verbreiten, sie auch in die Mainstreammedien bringen zu können, um so viele Frauen zu erreichen wie möglich. Ich stand mit einer Frauen-TV-Show eines öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsenders in Verhandlungen und mit einer Talkshow – ich dachte, Cora und ich könnten etwas bewegen.

Aber nachdem mir von Seiten der Frauen anfänglich Enthusiasmus entgegenschlug, wurde mir mitgeteilt, dass sie meine Idee zwar mochten – einen Dokumentarfilm über die Sexualität von Frauen über 50 zu machen – und diesen Film drehen wollten. Was sie nicht wollten, war, darin mich, Cora oder Pornografie zu zeigen. Sex für Frauen über 50? Vielleicht. Eine 57-jährige Frau, die in einem alternativen Porno frei ihre Fantasien auslebt – auf gar keinen Fall!

Die Talkshow lud Cora im Ende auch nicht als Gast ein und in allen Interviews, die Cora und ich Printmedien gaben, wurde sorgfältig darauf geachtet, alles herauszuredigieren, was mit „Alter“ zu tun hatte. Nicht einmal Coras fantastische Aussage „Ich werde bis zu dem Tag Sex haben, an dem ich sterbe“, die eine prima Überschrift hergeben würde, schaffte es bis in einen Artikel. (In einem der nächsten Blogs werde ich das Interview mit Cora hier in voller Länge veröffentlichen).

Madonna erschien vor wenigen Tagen auf der ersten Seite mehrerer britischer Boulevardblätter: Ihre Oben-Ohne-Bilder für das Magazin Interview wurden als schamlos und schockierend bezeichnet.

Aus schamlos und schockierend wird krank und ekelhaft, wenn eine Frau über 60 es wagt, ihre Sexualität auszudrücken. Kürzlich fiel die 69-jährige ehemalige Politikerin und Parlamentsabgeordnete Edwina Currie in der britischen Version von Ich bin ein Star, holt mich hier raus dem Spott anheim, weil sie mit den Männern flirtete und offen über One-Night-Stands, Vibratoren und ihren anhaltend starken Sextrieb sprach. Ihren Co-Stars und Moderatoren wurde angeblich „schlecht“. Die 28-jährige Kendra Wilkinson dagegen durfte über ihre Nächte mit dem 70 Jahre älteren Hugh Hefner sprechen und mehrere Sex-Tapes – deswegen zuckte niemand mit der Wimper, außer Edwina. Wacht auf, Leute. Wie Morgana Muses, eine 50-jährige Pornoregisseurin aus Australien, es in einem ihrer Filme so schön formulierte: „Right now I am fifty and one day you will be fifty and over as well, so why not embrace your (sexual) future?“ („Ich bin jetzt 50. Eines Tages werden Sie auch 50 werden und noch älter, warum sollten Sie sich also nicht auf Ihre – sexuelle – Zukunft freuen?“)

Keine Kosmetik der Welt kann die körperlichen Zeichen des Alters wirklich aufhalten oder rückgängig machen. Was wir aber ändern können, sind unser Denken und unser Fühlen zu den Themen Selbstvertrauen, Schönheit und Sex mit 50 und darüber hinaus. Wir können feiern, was es bedeutet, Menschen zu sein.

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