Die wichtigste Zutat für einen echt guten Porno: Konsensualität.

Sex ist viel mehr als nur eine rein körperliche Turnübung. Beim guten Porno-Sex, genau wie beim Sex wie wirklichen Leben, gehört der Kopf mit dazu: Der Verstand sagt “Ja” und der Körper folgt ihm…

Petra hat kürzlich auf Twitter eine spannende Diskussion zum Thema Porno und Konsensualität geführt, und wir finden, das ist eine gute Gelegenheit, über die wesentliche Rolle zu sprechen, die Konsensualität in ethischen Pornos spielt.

Ich bin mir sicher, Sie haben schon mal von Linda Lovelace gehört – aber falls nicht: Sie war die Hauptdarstellerin in dem Pornoklassiker Deep Throat, die nach der Veröffentlichung des Filmes sagte, dass sie von ihrem damaligen Freund und quasi Zuhälter Chuck Traynor, zu dem Dreh mit Misshandlung gezwungen worden war. Linda sagte, dass sie dem Dreh nie freiwillig zugestimmt hatte.

Kein(e) Darsteller*in sollte sich je gezwungen fühlen, in einem Porno Sex gegen ihren freien Willen zu haben. Jede(r) hat individuelle Grenzen, und diese müssen immer respektiert werden. Im Zentrum jedes guten Pornos – wie beim Sex im wirklichen Leben – steht Konsensualität, das Prinzip des Einverständnisses. Wie Petra in ihren Tipps dazu, wie man alternative Pornos macht, sagte:

„Nur weil jemand sagt, er oder sie wäre damit einverstanden, vor Ihrer Kamera Sex zu haben, heißt das nicht, dass Sie erwarten können, dass er oder sie quasi auf Bestellung alles machen muss, was Sie gerade gerne filmen möchten.“

Wir als Gesellschaft haben ernsthafte Probleme mit dem Thema sexuelles Einverständnis. Zwar sagen die meisten Leute, wenn man sie fragt, dass sexuelle Interaktion immer Konsensualität voraussetzt, aber trotzdem hören und lesen wir immer wieder Geschichten von Menschen, die diese einfache Regel offenbar nicht verstehen.

Bill Cosby hat zugegeben, junge Frauen unter Drogen gesetzt zu haben, damit er mit ihnen Sex haben konnte, und scheint das Ganze für ein Kavaliersdelikt zu halten. Aber die 35 Frauen, die ihn angeklagt haben, zeigen, wie es wirklich war: Dieser Mann interessierte sich nicht für ihr Einverständnis, sondern nahm sich einfach was er wollte. Und das ist nicht das einzige Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit … Donald Trumps Anwalt entgegnete kürzlich auf Vorwürfe, Trump habe seine damalige Frau Ivana vergewaltigt, dass man „jemanden nicht vergewaltigen könnte, mit dem bzw. der man verheiratet ist“ – und vertrat damit die mittelalterliche Ansicht, dass der Eheschein ein Blankoscheck auf Einwilligung mit sexuellen Handlungen ist. Schlimm genug, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit kurzem ein Straftatbestand ist, in Großbritannien seit 1991, in den USA seit 1993 in allen Staaten – in Deutschland erst seit 1997.

Die Dinge werden also offenbar langsam etwas besser. Es gibt einige fantastische Sexualerzieher*innen, Autor*innen und andere Menschen, die eine erfrischend klare Botschaft zum Thema Konsensualität vermitteln. Diese Karikatur zeigt sehr gut, wie wie seltsam die Welt aussehen würde, wenn wir mit anderen Arten von Einverständnis so umgehen würden wie mit dem Einverständnis zum Sex: „Ich borge mir mal dein Auto. Naja, Du hast doch letzte Woche gesagt, das ist in Ordnung, also bin ich jetzt davon ausgegangen, dass das immer okay ist.“ Vielleicht sollte mal jemand diese Karikatur Donald Trumps Anwalt zeigen.

Ein Tumblr-Posting hat kürzlich erklärt, wie es sogar nach echtem Dirty Talk klingen kann, sich des Einverständnisses des/der Partner*in zu versichern:

„Wenn man in die Augen des/der Partner*in schaut und in atemlos fragt „Darf ich?“, bevor man ihn/sie küsst, ist das superheiß.“

Dennoch braucht es seine Zeit, um die Einstellung von Menschen zum Thema Konsensualität zu verändern, und die Botschaft zu vermitteln, dass es nicht nur unverzichtbar ist, Einverständnis einzuholen, sondern auch verdammt sexy sein kann.

Porno gehört zu den Bereichen, in denen das Einverständnis der Darsteller*innen und die Tatsache, dass sie sich wohlfühlen, ein fantastisches Tool sein können, um diese Botschaft rüberzubringen. Bei Petras Dreh mit Harry und Bishop fiel mir vor allem auf, wie fantastisch kommunikativ die beiden waren. Sie plauderten nicht nur vor dem Dreh über ihre Vorlieben, sondern verständigten sich auch während der Szene immer wieder darüber, was sie mochten – beide wollten nicht nur ihre eigenen sexuellen Begierden erfüllen, sondern auch die ihres Gegenübers. Und daran sah man nicht nur, dass Konsensualität vorhanden war, sondern es war auch einfach extrem heiß, zuzuschauen, wie der Ablauf der Szene davon gesteuert wurde, was die beiden wirklich machen wollten und wie frei sie darüber kommunizierten.

Petra sagt: „Mir hat dieser Dreh so viel Spaß gemacht, weil er ein hervorragendes Beispiel dafür war, wie spannend Kommunikation im Schlafzimmer sein kann. Ich bin bei der Postproduktion versucht, so viel wie möglich von diesen Gesprächen und Absprachen drin zu behalten, weil sie die Szene so viel heißer machen. Beide sind absolut ehrlich und frei , und entdecken einander – statt dass sie eine ausgearbeitete Show vor der Kamera hinlegen würden. Ich hoffe, dass diese Szene eines Tages im Rahmen der Sexualerziehung von jungen Erwachsenen verwendet werden kann.“

Im Gegensatz zu Mainstreampornos – wo häufig einfach nur noch „extremere“ Praktiken gezeigt werden, und die oft sogar eher auf dem Prinzip der echten oder gespielten nicht eingeholten Einwilligung basieren,– merkt man bei Petra, dass sie das wirklich anders macht. Sie sagt:

„Oft geht es bei dieser Art von Mainstreampornos leider darum, dass Darstellerinnen, die nicht in eine sexuelle Handlung eingewilligt haben, immer wieder erniedrigt und missbraucht werden, zum Vergnügen eines Publikums, dass immer noch an ‚fließende Grenzen‘ glaubt und daran, dass ‚Nein‘ ‚Ja‘ heißt. Sehen Sie sich zum Beispiel die Art von Onlinepornos an, die in der Netflix-Doku Hot Girls Wanted gezeigt wird. Da werden Mädchen, die juristisch gerade alt genug sind, über Gumtree-Anzeigen als Online-Pornodarstellerinnen rekrutiert. Versprochen wird ihnen ein glamouröses, sexy und sorgenfreies Leben in Miami, aber tatsächlich müssen sie dann brutale Vergewaltigungsszenen spielen, von denen sie vorher nicht wussten und womit sie sich nie einverstanden erklärt haben. Viele der jungen, unerfahrenen und teilweise naiven Frauen haben nie gelernt, ihre Grenzen zu verteidigen und zu widersprechen, insbesondere, wenn sie vor laufender Kamera unter gesetzt werden. Es ist diese Art von Porno, die der Branche zu dem schlechten Ruf ‚verholfen‘ hat.“

So lange man sich Porno immer nur als diese eine Art von Porno vorstellt, besteht das Risiko, dass wir übersehen, wie viel ethisch produzierte Pornos zur Diskussion in Sachen Konsensualität beitragen können. Deshalb ist es wichtig, nicht nur fair-trade Pornos zu schauen und deren Produzent*innen und Darsteller*innen zu unterstützen, sondern auch, die Diskussion darüber anzustoßen.

In unserer Gesellschaft gibt es immer noch einige grässliche Ansichten in dem Zusammenhang, und das beschränkt sich nur auf Pornos und unsere privaten Schlafzimmer. Implizit sind sie in Songs wie Blurred Lines, und unterschwellig werden sie Medien Berichten kommuniziert, wenn es heißt, dass eine Frau einen „zu kurzen Rock getragen“ hätte und deshalb selbst Schuld und ihrem sexuellen Missbrauch hat. Und diese Botschaften sickern ein, haben einen kollektiven Effekt auf die Leute, die sie hören – und sie sagen uns immer wieder, dass das Prinzip des Einverständnisses schwer zu verstehen und verschwommen ist oder uns irgendwie den Spaß an der Sache nimmt. Dabei geht es doch einfach nur darum, dass alle glücklich mit der Situation sind, in der sie sich gerade befinden. Wir sollten diesen Botschaften unsere eigenen Botschaften entgegensetzen: Wir sollten den Leuten Filme von ethischen Produzent*innen zeigen, die eindeutig demonstrieren, dass die Darsteller*innen gerne und freiwillig tun, was sie tun. Wir sollten Menschen zum Nachdenken bringen, die argumentieren, dass es schwierig ist, sich des Einverständnisses des Gegenübers sicher zu sein, oder die der Auffassung sind, dass Pornodarsteller*innen darauf eingestellt sein müssten, selbstverständlich ausgebeutet zu werden. Das ist wirklich etwas, was an die große Glocke gehängt gehört: Bei gutem Porno geht es wie bei gutem Sex um Konsensualität.

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