Warum ich Candida Royalle, die Königin des feministischen Pornos vermissen werden …

Candida Royalle, die legendäre feministische Pornoregisseurin und Tierrechtsaktivistin, ist nach einem langen Kampf gegen Ovarialkrebs gestorben. Ihre Kollegin, Pornoregisseurin Petra Joy, spricht über Candidas Leistungen für die Frauenwelt

Der 7.9.2015 war für viele Frauen, Feministinnen und Erotikkünstler*innen auf der ganzen Welt ein trauriger Tag. Als bekannt wurde, dass Candida Royalle im Alter von nur 64 Jahren in New Yorker verstorben war, verwandelte sich Ihre Facebook-Seite in ein farbenfrohes Kaleidoskop einer erstaunlichen Biografie. Immer wieder hinterlässt jemand einen Beitrag und gedenkt dieser wahrhaft außergewöhnlichen Frau, die den Weg für Pornos aus weiblicher Perspektive bereitet hat und vielen feministischen Erotikfilmemacher*innen Türen geöffnet hat – dazu zähle ich auch mich selbst –, die in ihre Fußstapfen getreten sind. Die geposteten Bilder zeigen alle eine strahlende Frau mit einem Lächeln, das sagt: „Ich liebe das Leben, ich koste es voll aus, auf geht’s ins Abenteuer!“

Candida, mit bürgerlichem Namen Candice Vadala, wurde am 15.10.1950 in New York geboren. Die Tochter eines Jazzmusikers, eine auffallend schöne junge Frau, pflegte schon früh selbst einen kreativen Lebensstil und studierte Musik, Kunst und Tanz. Da sie einerseits mit ihrer Sexualität experimentierte und sich andererseits zum Film hingezogen fühlte, beschloss sie in den Siebzigern, als Pornodarstellerin zu arbeiten. Im „Golden Age of Porn“ spielte sie in über 25 Erotikfilmen mit, unter anderem in Produktionen mit Titeln wie „Kinky Tricks“ und „Hot & Saucy Pizza Girls“.

Im Laufe der Zeit wurde sie dessen müde, weibliche Sexualität so darzustellen, wie ihre männlichen Regisseure sie auffassten, und wollte selbst bei der Produktion eines Films die Zügel in der Hand halten. Im Jahr 1984 – zu einer Zeit also, als die erste feministische Pornobewegung ihren Höhepunkt erreichte und der Begriff „feministischer Porno“ das ultimative Oxymoron war – gründete Candida ihre eigene Pornofirma, Femme Productions. Die etablierte Herrenriege der Branche amüsierte sich darüber höchstens und rechnete nicht mit dem, was da kommen sollte: Candida drehte und produzierte 17 preisgekrönte Filme, unter anderem „Femme“ – ihr Debüt –, „Eyes of Desire“ und „Stud Hunters“.

„Stud Hunters“ ist mein Lieblingsfilm vom Candida. In Ihm hat Candida eine kleine Cameo Rolle als anti-schlechte-Porno Demonstrantin; der Film zeigt eine genial-witzige Casting Szene, in dem die Porno-Regissuerin potentielle maennliche Hauptdarsteller interviewt und endet in einer super heissen Grupensex-Szene, in der die Regisseurin von vier der auserwählten Stars gleichzeitig sinnlich verwöhnt wird. Diese Szene ist das exakte Gegenteil von den im mainstream beliebten Gangbang Szenen, in denen Frauen nur Leinwand für Sperma sind. Candida war ihrer Zeit weit voraus und es stellte sich heraus, dass sie recht hatte. Auch Frauen waren Voyeure und die Zeit war reif für Pornos aus weiblicher Perspektive.

Aber was unterschied ihre Pornos von den Mainstreamwerken, die von Männern für Männer gemacht werden? Schlicht ausgedrückt kann man sagen, dass Candida die Lust und den Orgasmus der Frau in den Vordergrund rückte. Bei ihr endete nicht jede Szene mit einer männlichen Ejakulation, dem sogenannten „Money Shot“. Sie zeigte lieber abwechslungsreiche, sexy Spielarten, als das zu filmen, was sie immer als „vorhersehbaren, seelenlosen Porno wie Malen-nach-Zahlen“ bezeichnete. In ihren Filmen konnte man heiße Männer und ihre Fähigkeiten als Liebhaber bewundern und sich über glaubhafte Storys voller Humor freuen. Diese Filme sprachen ein breites Publikum an, das keine Lust mehr auf lustlose Rein-Raus-Pornos hatte. Candida war eine tüchtige Geschäftsfrau, aber der Profit war nie ihr Antrieb. Sie drehte ihre Filme, weil sie ein unglaubliches Verlangen danach empfand, einen Raum für weibliche Sexualität zu schaffen, andere Frauen zum Ausleben ihrer Fantasien zu inspirieren und die Schlafzimmer der Menschen mit Lust zu erfüllen.

Die feministische Aktivistin, die sich für die sexuelle Befreiung der Frauen einsetzte, ging 1999 noch einen Schritt weiter und brachte das Vibratoren-Sortiment „Natural Contours“ heraus. Nachdem der Markt mit riesigen Plastik-Phalli übersättigt war, waren ihre Vibratoren eine echte Innovation: ergonomisch geformte Spielzeuge, die bei der Frau genau die richtigen Punkte treffen, um sie zum Orgasmus zu bringen. Im Jahr 2004 entdeckte Candida ein weiteres Betätigungsfeld für sich und veröffentlichte „How To Tell A Naked Man What To Do“, ein Buch, das Frauen dazu ermutigte, nach dem zu fragen, was sie wollen. Lange, bevor Nicki Minaj sagte, dass Frauen Orgasmen fordern sollten.

Das war auch das Jahr, in dem ich selbst begann, Pornos aus weiblicher Perspektive zu drehen. In Europa hatte man bis dato noch nichts von feministischen Pornos gehört. Stilistisch unterscheide ich mich von Candida, weil ich keine Dialoge einsetze, aber wir hatten die gemeinsame Vision, dass Porno Kunst ist und dass Porno ein Werkzeug für die sexuelle Befreiung der Frau sein kann. Die legendäre „Ökosex“-Aktivistin Annie Sprinkle stellte mich Candida 2008 vor, die sich netterweise meinen ersten Porno in Spielfilmlänge, Female Fantasies, ansah und voll des Lobes war. Ich war damals dankbar, wie viel Zeit sie für mich aufgewandt hat, und für die echte Unterstützung, als sie vorschlug, meine Filme in ihre begehrte Reihe „Femme“ in den USA aufzunehmen. Unsere berufliche Zusammenarbeit setzte sich in den folgenden Jahren fort: Ich veröffentlichte einige von Candidas Klassikern in meiner Anthologie-Reihe Her Porn und habe mich sehr gefreut, sie als Jurorin für die Petra Joy Awards gewinnen zu können, eine Auszeichnung für neue und aufstrebende Filmemacher*innen. Auch ihr lag es sehr am Herzen, neue Talente zu entdecken und zu fördern.

Zusammen haben wir viele wunderbare Momente erlebt. Zum Beispiel 2009, als wir beide beim ersten Poryes-Preis in Berlin ausgezeichnet wurden, oder vor zwei Jahren, als wir uns bei den Dusk! Porna Awards in Amsterdam getroffen haben. Ich war völlig überrascht, mit dem Preis geehrt zu werden, und habe Candida gebeten, zu mir auf die Bühne zu kommen. Ich überreichte ihr einen Blumenstrauß, um ihr für alles zu danken, was sie für die Heldinnen des feministischen Pornos getan hatte, und verließ die Bühne – sie jedoch rief mich zurück: „Ich möchte hier zur Seite treten und einfach Dich und all die wunderbaren Filmemacher*innen ehren, die die Idee aufgegriffen haben und jetzt selbst umsetzen.“ Ich war sprachlos und unsere Umarmung wurde von tosendem Applaus begleitet. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Auf Facebook schrieb jemand sehr treffend, sie wäre die Grace Kelly des Pornos gewesen, eine feinsinnige und schöne und unglaublich integre Frau, die genug Größe besaß, anderen ihr Rampenlicht zu gönnen.

Candida war irgendwann nicht mehr nur eine Kollegin, sondern wurde auch zu einer engen Freundin. über die Jahre hinweg hat sie mich immer wieder reich beschenkt – mit weisen Ratschlägen, wunderschönen Postkarten und einem Stofftier, das zum Talisman bei all meinen Drehs wurde. Ich habe mich sehr über ihren Besuch im September 2013 gefreut. Gemeinsam unternahmen wir Strandspaziergänge, tranken Tee, rauchten Spliffs und besprachen ausführlich Umweltprobleme, die uns beiden sehr am Herzen lagen – ein weiteres Thema, das uns verband. Ihr letzter Tweet lautete: „Isländische Walfänger jagen wieder Finnwale, aber wir können sie stoppen! Jetzt handeln.

Außerdem liebten wir beide die Tierwelt in unseren Gärten. Tiere waren ihr immer wichtig – wenn sie verreiste, war eine ihrer größten Sorgen, wer ihre Vögel in der Zeit füttern würde. Candida wollte noch nicht sterben, fünf Jahre lang hat sie mit aller Kraft gegen den Ovarialkrebs angekämpft. Noch zwei Wochen vor ihrem Tob hat sie vor Optimismus nur so gesprüht, wir haben E-Mails über die Veröffentlichung meines neuen Films in den USA ausgetauscht und sie mochte Fotos von meinem Strand und den Staren in meinem Garten.

Wie würdigt man nun diese Ikone des Feminismus, Tierrechtsaktivistin und inspirierende Frau, die Candida Royalle war? Ein guter Anfang wäre es vielleicht, die wilden Vögel in Ihrer Umgebung zu füttern. Oder Sie schauen sich einfach einen ihrer erotischen Filme an oder probieren eins ihrer Spielzeuge aus und haben einen wunderbaren Orgasmus in ihrem Namen. Ich denke, das würde Candida happy machen…

Mehr info zu Candida Royalle:
http://candidaroyalle.com
https://en.wikipedia.org/wiki/Candida_Royalle

Candida erklärt Ihre Vision vom feministischen Porno in diesem Interview, das Petra mit Candida in 2008 gedreht hat:

Dieser Blog ist in gekürzter Form im Daily Telegraph am 8.9.2015 erschienen

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